Mittwoch, 16. Oktober

Kann man bei einem völlig selbstverwirklichten Weisheitslehrer von Unfehlbarkeit ausgehen?

Unfehlbarkeit setzt Allwissenheit voraus und dieser Begriff ist gemäss Vedanta nur Gottes würdig und nur auf ihn zutreffend. Diesen auf Menschen zu übertragen zeugt von naiven Vorstellungen, die vielleicht ein Kind betreffend seines Vaters hat.
Om Parkin schildert, wie es ihn irritierte, als er als Jugendlicher einem weisen Schamanen begegnete, der aber an Katzenhaar-Allergie litt.
Die Verwirrung rührte daher, dass ein erleuchteter Lehrer in seinen Augen keinerlei Krankheiten oder Makel haben könnte oder dürfte. Er schrieb, wie er dazumal in der psychosomatischen Denkwelt gefangen war und dieses kindliche Verständnis von Unfehlbarkeit und Fehlerlosigkeit in sich trug.
Die Unfehlbarkeit bezieht sich auf die Reinheit der Motivation im Dienste zu Radha-Krishna, die eine verwirklichte Seele kennzeichnet. Diese ist frei von jeglichen Verschleierungen des denkenden Geistes. Frei von Ideen, Bildern oder emotionaler Einfärbung.
Die Unfehlbarkeit bezieht sich jedoch keineswegs auf die täglichen Dinge, den Umgang mit anderen Mitgeschöpfen oder die äussere Welt.
Wenn also ein Schüler Unfehlbarkeit auf den Lehrer projiziert, dann ist dies nichts anderes als eine Schattenprojektion seines Über-Ichs.

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Dienstag, 15. Oktober

„Selbst wenn es unzählige Begründungen gäbe, die Liebesbande abzubrechen, vermag man es nie zu tun.“
Das ist die Definition von transzendenter und bedingungsloser Gottesliebe, die Srila Rupa Goswami im Bhaktirasamrita Sindhu (1.4.1) gibt. Darin steht nicht die Frage nach dem Eigengewinn an erster Stelle.
Wem sollte ein Weg attraktiv erscheinen, bei dem es erst einmal alles zu verlieren und nichts zu gewinnen gibt? Der reife Schüler erkennt die Gnade des Verlustes. Fast alle Menschen haben viel zu viel zu verlieren. Nur wer nicht mehr zu verlieren hat, kann Freiheit realisieren.

Montag, 14. Oktober

Der Tod ist einem zum Feind geworden, denn man hat ja überall um einen herum beobachtet, wie der Tod alle vergänglichen Erscheinungsformen dahinrafft.
Wenn man die Bemühung um Permanenz in der Zeitweiligkeit einstellt, was immer in einen Zustand umfassendster Gelassenheit führt, betrachtet man den Tod von Angesucht zu Angesicht und erkennt, dass er nicht alles Leben vernichten will, sondern dass es seine Aufgabe ist, die Anhaftung an vergängliches Leben sterben zu lassen, um damit die Wachheit zum wirklichen Leben als Seele zu schenken.

Sonntag, 13. Oktober

Jeder Schüler wird an Grenzen stossen.
Der Geist denkt, er könne diese Grenzkonfrontationen umgehen, in dem man zu einem anderen Lehrer flüchtet. So setzen im Schüler Suchbewegungen nach einem anderen Lehrer ein, der vielleicht „eine sanftere Persönlichkeit“, der „weiblicher“ oder auf jeden Fall „anders“ ist. Alle Begründungen, die der Geist liefert, sind verblümte Umschreibungen der einen Botschaft: „Ich will, dass der Lehrer es mich auf meine Weise lehrt.“
Das Ego hält den Lehrer tatsächlich noch für seinen Diener.
„Es hat auf meine Weise zu geschehen“, spricht das Ich immer dann, wenn es androht, dass es die Kontrolle über seine kleine Welt verliert.
Der Schüler versteht nicht, dass er letztlich keine Wahl hat. Man wird früher oder später mit jedem Lehrer an die gleiche Grenze stossen. Und wenn es später ist, wird es nicht leichter sein. Im Gegenteil. Eine innere Grenze erhält jedes Mal zusätzliche Macht, wenn sie auftaucht und der Schüler vor ihr flüchtet.

Samstag, 12. Oktober

Als Gangaji aus Lucknow, wo sie bei Papaji längere Zeit verbrachte, in die USA zurückkehrte, reagierten die alten Freunde eher belächelnd, als ihre „Toni“, so nannten sie sie, nun plötzlich Satsangs hielt. Sie glaubten, es sei „Toni“, die jetzt etwas erkannt habe, in Indien ein bisschen weiser geworden wäre und nun Satsangs geben würde. Sie glaubten, es handle sich um die alte Person, die sie kannten. Sie sah ja schliesslich noch genauso aus.
Für einen Menschen der nur mit äusseren Augen sehen kann, bleibt der spirituelle Lehrer unsichtbar. Der Guru ist jemand anders als die äusserlich wahrnehmbare Persönlichkeit.

Wir werden auch das Interesse verlieren an allen Begegnungen der Vergangenheit…

Freitag, 11. Oktober

Man darf die Ich-Struktur nie unterschätzen.
Menschen können ein grosses Stück des Erkenntnisweges gehen und sich in einem Moment umdrehen, eine Kehrtwendung machen und wieder Zuflucht im Alten nehmen.
Die Vorstellung, dass Schüler, die lange Zeit mit einem Weisheitslehrer persönlich eng zusammen waren, die sich viel in seiner körperlichen Nähe aufgehalten haben, zwangsläufig besonders weit entwickelt sein müssen, ist eine grosse Täuschung.
Zum engen Kreis eines Lehrers zu gehören sagt noch überhaupt nichts aus über die innere Entwicklung einer Seele. Sehr oft sind Menschen in Dunstkreis von Heiligen stark vom Wunsch nach Bedeutung getrieben oder wünschen sich Einfluss. Und die wahren Nachfolger können diejenigen sein, die dem Lehrer vielleicht nur einmal begegnet sind und sich mit offenem Herzen dorthin führen liessen, wohin die Gegenwart des Lehrers verweisen wollte.
Es gibt die faulen Sadhakas, die irrtümlich denken, dass in der Nähe des Lehrers automatisch eine „Veriwirklichungs-Übertragung“ stattfinden würde. Für eine solche Übertragung gehören Sender und Empfänger.

Es gibt so viele, die äusserlich konform sind und dennoch nicht dem Geist der Wahrheit nachfolgen und vielleicht sind die treuesten Nachfolger solche, die von aussen von den Pharisäern gar nicht erkannt werden.
„Krishna, nie wieder will ich in solche Muster hineingedrückt werden, wo man Menschen verurteilt aufgrund äusserlicher Diskonformität.“

Donnerstag, 10. Oktober

Aus der Sichtweise des inneren Weges sind Liebespartner Weggefährten, die sich auf dem inneren Weg gegenseitig liebevoll unterstützen.
Das, was man allerdings in der Welt „Liebesbeziehung“ nennt, ist zumeist nicht eine Liaison, die durch die Wahrheit zusammengehalten wird, sondern eher durch die Verhaftung und vorallem durch die Angst vor Verlust – der Angst vor dem Alleine-Sein. Diese Angst wird die Gottesliebe korrumpieren