Donnerstag, 5. Dezember

Natürlich soll das innere Leben mit dem äusseren versöhnt sein.. aber die Prioritäten dürfen auch klar gesteckt sein. Sonst wirkt die Bindung und Einlullung des Vorläufigen wirklich stark. Das äussere Leben hat dem inneren zu dienen und nicht umgekehrt. Sonst lebt man eine Prioritätenverdrehung, in welcher man den tausend kleinen Ausreden letztlich sogar noch Gehör und Glauben schenkt.
Jeder Schritt in die Tiefe ist von einer anfänglichen Ängstlichkeit begleitet. Diese zeugt ja nur von Gewichtigkeit dieses Schrittes.

Mittwoch, 4. Dezember

Was ist der beste Ort, um Bhajan machen zu können?
Jivan-sandhi (Sandhi heisst Übergangspunkt, jivan heisst Leben).
An der Schwelle zwischen Leben und Tod. Es ist nicht die körperliche Bedrohung kurz vor dem körperlichen Abserbeln, sondern die Erfahrung, dass es um viel mehr geht als um Leben und Tod und man es fast nicht mehr aushält aufgrund der ungeheuren Weite der Nähe Gottes.
Krishna darshana lalasa….(Bhagavatam 10.32.1) Die Gopis sehnten sich so sehr nach Krishna und waren sich sicher, nun nicht mehr weiter leben zu können. Da sie glaubten, nun vorzeitig vor Sehnsucht nach Ihm zu sterben, baten sie darum, dass ihre Lebensdauer, die sie eigentlich noch gehabt hätten, doch wenigstens Krishna angerechnet würde.
In dieser intensiven Zwischenphase zwischen Leben und Sterben ist Krishna plötzlich vor ihnen erschienen (10.32.2).
Bhajan wird nicht gemacht in der Situation von Annehmlichkeit.

Dienstag, 3. Dezember

Wir denken manchmal, in einer guten Lebenssituation zu sein… aber wenn man die eigene existenzielle Situation genau betrachtet, ist Flehen sicherlich die angemessene Reaktion.
Am Ende vom Caitanya Caritamrita (3.20.37) fleht Mahaprabhu in grosser Dringlichkeit:

prema-dhana vina vyartha daridra jivana
’dasa’ kari’ vetana more deha prema-dhana”

“Ohne Prema ist mein Leben gänzlich nutzlos und vergeblich. Deshalb flehe ich nur, dass du mich als deinen ewigen Diener annimmst.
Ich will keinerlei Bezahlung… sondern segne mich einfach irgendwann einmal mit ekstatischer Liebe zu Gott.“
Bete ich auch so? Glaubt man wirklich, dass das Leben völlig verschwendet, vertan und gänzlich wertlos ist ohne Prema? Fühle ich effektiv auch so oder denke ich, dass das Leben doch eigentlich schon in Ordnung sei, wenn man ein bisschen fein essen kann, ein komfortables Zimmer hat und ins Internet gehen kann?
Wenn man schon keine Prema hat, ist es wenigstens ein Geschenk, grosse Sorge und Entsetzen über deren Absenz zu haben.
Es ist verzeihbar, keina Prema in sich zu tragen. Doch die Besorgnis ihrer Abwesenheit öffnet ein Tor zu ihr hin.

Montag, 2. Dezember

Es ist schon ein grosser Unterschied, Meditation einfach nur als einen Pfad zu seiner eigenen Beruhigung und Erleichterung von der Last der Welt zu verstehen, oder wirklich als Eintritt in eine Gottes-Beziehung… in einen liebenden Austausch. Erst wenn man den Meditationsweg als Begegnungsweg versteht, beginnt Bhakti.
In der Anrufung der Namen Gottes wird Religion herausgelöst aus der weltlich verordneten Moralisiererei. Denn nun geht es nicht mehr primär um Verhaltens-Schulung, sondern um die Gotteszuwendung.
Nun will man sich in der Begegnung mit Nam Prabhu die grosse Chance, horchsam für die Sprache des heiligen Namens zu werden, nicht mehr vertun und auf diese Weise die Spaltung zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit endlich schliessen.

Sonntag, 1. Dezember

Das Verweilen beim heiligen Namen bedarf der Zärtlichkeit und Ehrfurcht dem Heiligen gegenüber, sowie die vollständige Anerkennung bis in die Verästelungen unseres Seins, dass das letztliche Geheimnis nicht in Besitz genommen und dass die Gnade nicht erworben werden kann. Das ist die grundlegendste Voraussetzung für den wachen Anfängergeist. Dieser Geist des immer wieder Neuerlebens ist wiederum keine Fertigkeit, die erstanden werden kann, sondern erfordert eine ungeheure wache Bereitschaft, vom Heiligen Namen selber ver-/ent-und ge-führt zu werden.
So viele wollen eigentlich doch klammheimlich besitzen. Besitzen ist eine Form des Benutzens. Nicht ich diene Gott, sondern will Ihn gemäss meinen Vorstellungen manipulieren. Wenn nicht mehr die überraschende Hingabe ins Unbekannte, sondern der eigene Plan im Vordergrund steht, entstehen daraus augenblicklich all die Kategorien der Wertung von Gut/Schlecht, Falsch/Richtig, Wissen/Unwissen. Die Orientierung an diesen Wertungen lässt die einzige Wesensaufgabe, die Zuflucht beim Heiligen Namen, verblassen Und dann wird selbst der Zugang zu Radha-Krishna in ihrer Klang-Herabkunft als Heiliger Name nur ein grosser Jahrmarkt der Eitelkeiten und irgendwie innendrin ganz schlaff.

Samstag, 30. November

Spirituelle Konzepte im Geist zu wälzen und zu durchdenken, und sie nicht konkret zu leben und in der Praxis anzuwenden, stellt noch immer eine Ausflucht vor der Hingabe zu Gott dar.
Das aufrichtige Studium drängt die Seele in jedem Augenblick, wirklich diesen Blickwinkel einzunehmen, worauf die schriftliche Information immer nur ein Fingerzeig war.
Es ist ein gefährliches Unternehmen, welches alles von einem fordert. Die Bereitschaft, wirklich ein anderer zu werden, sich neu zu gestalten, treibt einem zu dieser Ungeheuerlichkeit an.
Die aktive Umsetzung in dieser Welt ist so wesentlich… und stellt den Test der Ernsthaftigkeit dar. Der faule Geist begnügt sich, interessante philosophische Anschauungen zu studieren. Der wache Geist drängt zur Anwendung.

Freitag, 29. November

Ein Anfänger denkt, er würde nun heilige Texte lesen oder Mantras chanten.
Der madhyama-bhakta (bei dem die Knospe der Hingabe zu spriessen beginnt) erkennt aber sehr klar, dass viele Sadhus für ihn gebetet hatten und aufgrund dieser erhaltenen Gnadenkraft er nun das Bhagavatam lesen oder den heiligen Namen auf seiner Zunge erleben darf.
Er betrachtet jede spirituelle Bemühung nicht mehr als sein eigenes Tun, sondern als das Wunder der svarup-sakti, Krishnas innerer Kraft, welche er durch Segnungen von Sadhus erhalten hat. Ohne die Intervention der Gnadenkraft, ist die eigene versuchte Beschäftigung mit sravana (dem Hören heiliger Themen) und kirtanam (dem Vertiefen in Mantras und die heiligen Namen) nur karma, eine Tätigkeit, die aus der Ich-Intention entspringt und entsprechende Reaktionen innerhalb des Bereiches der Vergänglichkeit erzeugt.
Wenn sich das Bewusstsein ein wenig weitet, erkennt man sehr klar, dass wir selber von einer ganz anderen Sphäre heraus beschäftigt werden.