Freitag, 20. September

Die Beschreibungen von Radha-Krishnas lila sind Versuche, eine ekstatische Gottesbeziehung (dasya, sakhya, vatsalya, madhurya) in menschlich verstehbare Worte zu übertragen.
Eine sehr entwickelte Seele erlebt den Gottesaustausch in der spirituellen Welt weit jenseits aller menschlichen Erfahrung und müht sich darum, dies in Worte zu fassen.
Auch wenn diese Bruchstücke wahr sind, vermitteln sie dennoch nicht eine Vollständigkeit.
Verschiedene Personen beschreiben die gleichen lila-Einblicke dennoch sehr unterschiedlich. Viele der Lilas des Bhagavatam finden sich auch in anderen vedischen Texten und werden dort wieder mit anderen Detail-Einsichten beschrieben. Lila ist dynamisch und nie statisch. Die Annäherung ans Lila hat immer grosse Bedeutung für den Sadhaka. Obwohl die Worte der Realität des lila nicht entsprechen vermögen, so vermitteln sie doch das Herz, die Stimmung und die Erfahrung desjenigen, der es vermittelt. Wenn lila von einer verwirklichten Seele geteilt wird, enthalten diese Worte seine Verwirklichung vom Lila mit und schenken einem die Samskaras (die Eindrücke), die ewige Liebe der ragatmika-bhaktas (der ewigen Gefährten Radha-Krishnas in der spirituellen Welt) zu erahnen.
Alle vertraulichen Umschreibungen können erst verstanden werden, wenn eine Seele von der übernatürlichen Vibration (aprakrita-shabda-brahman) berührt wird, welche durch die Kette der Schülernachfolge vermittelt wird.

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Donnerstag, 19. September

Das menschliche Leben dauert, wie Friedrich Schlegel meint, nur ein „Wimpernschlag der Weltgeschichte“ lang an. Dennoch ist es so kostbar. Der Ruf aller Veden ist daher:
utthistata jagrata prapta varan nibodhata (Katha Upanishad 1.3.14)
„Steh auf, wach auf und benütze die Möglichkeit, welche dir in dieser menschlichen Lebensform angeboten wurde.“
Auf Krishnas Ruf kann nicht gruppenhaft geantwortet werden. Die Reaktion darauf ist sehr eigen. Wenn sich aber freie Seelen ohne religiösen Überbau begegnen, darf in solcher sanga eine grosse Inspiration und Konkretisierung (Verfeinerung) des Weges geschehen.

Mittwoch, 18. September

Raso vai sah (Taittiriya Upanishad 2.7.1)
Die letztliche Wahrheit (Sri Krishna) ist Ekstase, geniesst Ekstase und alle Existenz besteht nur für seine Freude. Die Seele erlebt erst in dieser Verbindung nicht nur das natürlich inhärent in ihr angelegte Freudenpotenzial, sondern weit darüber hinaus noch eine Reflektion von Gottes eigenem Freuden-Erlebnis (Bhakti).
Was die Seele von dieser erlebbaren Freude abhält, ist die Folge ihrer Gottesvergessenheit – nämlich die Tendenz, Dinge kontrollieren zu wollen und für sich eigensüchtig zu geniessen.
Mit diesen beiden Grundhaltungen fasst Krishna die widergöttliche Mentalität zusammen (Bhagavad Gita 16.13).

Dienstag, 17. September

Sören Kierkegaard schreibt, dass Schweigen und die Stille die Vernehmbarkeit von Gottes Wort fördern. „Wird das Wort Gottes unterstützt durch Geräuschmittel, lärmend ausgeschrien, damit es bei dem Spektakel aufgenommen werden könnte, so bleibt es nicht Gottes Wort.“
Sabda-Brahma, Transzendenz, die sich in Worten unserer Welt offenbart, ist sehr subtil. Sobald die Intention grob wird, geht der wesentliche Anteil verloren und man bleibt zurück mit Silben-Fetzen, die zwar noch gleich ausschauen wie die Offenbarungsworte, doch ist deren Substanzgehalt abhanden gekommen ist.

Sonntag, 15. September

Dag Hammarskjöld schreibt, als er zum Posten des UNO-Generalsekretärs, des höchsten Beamten der Welt, berufen wird: „Nicht ich, sondern Gott in mir.“ (Zeichen am Weg. Das spirituelle Tagebuch des UN-Generalsekretärs)
Weltliche Macht verliert alle Faszinationskraft, wenn die effektiv wirkende Instanz anerkannt und freudvoll gesehen wird.
„Niemand, der seine Hand an den Pflug gelegt hat und zurückblickt, ist tauglich für das Reich Gottes. “ (Lukas 9,62).
Wenn man sich selber für den Kontrollierenden und Handelnden sieht, glaubt man natürlicherweise auch, Anspruch auf das Resultat der eigenen Bemühung zu beanspruchen.
In der Schau auf ihn als den wirklich Handelnden erübrigt sich der kleinliche Lohn seines Eigenmühens, und jedes Tun wird zu einer Weihehandlung für ihn – in unendlicher Leichtigkeit.

Samstag, 14. September

Die konstante Bewegung im Sichtbaren und Verwertbaren macht den Lärm aus. Erst in der Stille beginnt das Transzendente und Zweckfreie wieder zart aufzutauchen, denn es setzt sich nicht gewalttätig gegen das lärmig Aufdringliche durch. Man braucht dafür einen Schritt zurück zu treten.
Es ist paradox: Wir sehnen uns nach der Stille, aber wir haben gleichzeitig Angst vor ihr. Und das hat seinen Grund: „Offenbar fehlt uns das Vertrauen, dass in der Tiefe unserer selbst noch etwas übrig bleibt, wenn mal nichts von aussen andrängt und wenn keinerlei Sinnesimpulse mehr auf uns einströmen. So flüchten wir uns gerne in die Umtriebigkeit und sinnlose Geschwätzigkeit. Die Angst vor der Stille ist ein gefährlicher Unruhestifter.
Die Stille ist ein scheues Reh. Von alleine kommt sie nicht. Um sich immer wieder zu einem „Rendezvous mit der Stille“ zu verabreden, kann es deshalb hilfreich sein, wenn wir in unseren Terminkalender ab und zu mal eintragen: „Stille“. Und wenn dann jemand fragt: „Wollen wir an diesem Tag etwas unternehmen?“, sollten wir auch konsequent sagen: „Nein, da hab ich schon was vor.“